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Politiker & Globalisierung |
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Wenn Hans-Werner Tovar, der Vorsitzende des Kieler
Wirtschaftsausschusses, im Film sagt, sein größter politischer Fehler
sei der Teilverkauf der Kieler Stadtwerke, sind viele Zuschauer empört:
„Er hat ein Riesen-Desaster zu verantworten und sagt Monate später
einfach, das sei ein Fehler."
Immerhin - welcher Politiker wagt es
heutzutage noch, öffentlich einen folgeschweren Fehler einzugestehen?
Und alle Achtung vor dem, der daraus lernt !!!!
Herrn Tovar ging es bei der Entscheidung zum Mehrheitsverkauf der
Kieler Stadtwerke keinesfalls anders als der großen Mehrheit anderer
Abgeordneter, Minister oder Ministerialdirigenten, die vor einer
ähnlichen Entscheidung stehen. Sie werden von Beraterfirmen mit
tausendseitigen Gutachten und Aktenbergen von Vertragsentwürfen
konfrontiert, deren Essenz von hochbezahlten Beratern „verständlich"
zusammengefasst wird. Bei den allerwenigsten Entscheidungen schafft es
ein Volksvertreter dieser Tage noch, alle relevanten Papiere zu
studieren, bevor er seine Hand zur Abstimmung hebt. Da ist in der Regel
das einzige Entscheidungskriterium die Empfehlung der Fraktionsführung.
Und wenn dann noch die Beraterfirma von eigenen Parteigenossen
repräsentiert wird, bzw. vom ehemaligen Ersten Bürgermeister und einer
ehem. Finanzsenatorin, wer will sich da noch verweigern?
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Demokratie & Privatisierung |
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Als die Berliner Abgeordneten „bestens beraten" über die
Teilprivatisierung der Wasserwerke abstimmten, wußten sie nicht, über
was sie da jenseits der Ihnen vorliegenden Verträge noch abstimmten:
den geheimen, weil privaten Konsortialvertrag. Dort sind alle wichtigen
Regularien der neuen, teilprivaten BWB festgelegt.
- wem
obliegt die Geschäftsführung
-
Verteilung
des Gewinns - eine Gewinngarantie für die privaten
Anteilseigner
- Möglichkeiten
der weiteren Privatisierung u.v.m.
Über
all dies konnten die Berliner Abgeordneten beim besten Willen nichts
wissen.
Als dann ein Passus - die Gewinngarantie - dennoch bekannt wurde und
die Opposition erfolgreich vor dem Verfassungsgericht dagegen anging,
wurde eine weitere Bestimmung des Konsortialvertrags bekannt:
der Berliner Senat ist bei allem, was den Gewinn der Privaten
mindert - auch bei Verfassungsgerichtsentscheiden - in jedem Fall
entschädigungspflichtig!
D.h. der private Konsortialvertrag hebelt nicht nur die
Entscheidungsfreiheit der Abgeordneten aus, sondern auch
Verfassungsgerichtsentscheide! Nach dem Urteil hat sich nur der
Zahlungsmodus an die Privaten geändert: Eventuelle Fehlbeträge zum
garantierten Gewinn werden vom Senat erstattet!
Dieses
Modell wird in den sich im Moment rasant ausbreitenden Öffentlich-Privaten Partnerschaften
perfektioniert. Den Pilot machte Offenbach. Dort renoviert und betreibt
Hochtief 15 Jahre lang 49 Schulen. Das kostet den Konzern nach seinen
Schätzungen 100-130 € eigene Mittel. Dafür bekommt Hochtief am Anfang
wenig, mit den Jahren dann aber immer mehr und insgesamt 410 Millionen
€ von der Stadt Offenbach!
Dem Offenbacher Landrat Walter scheint der Deal dennoch von großem
Vorteil. Nicht umsonst, sondern für zusätzliche 30 Mio. € hat ihm das
Beraterteam um Dietrich Stobbe, ehemals Erster Bürgermeister von
Berlin, und Anette Fugmann-Heesing, ehem. Finanzsenatorin den 40
Aktenordner füllenden Vertrag als das beste Geschäft verkauft.
Überprüfen, ob das stimmt, können die Abgeordneten das nicht. Der
Vertrag ist geheim, weil privat. Doch immerhin können der Landrat und
die Abgeordneten noch zu ihrer Amtszeit renovierte Schulen vorweisen,
ohne den Haushalt nennenswert zu belasten. Was nach ihnen kommt.....
wen interessiert es?
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Unsere Erfahrungen mit der seit 17 Jahren in Aktiengesellschaften
überführten Wasserindustrie in England waren in vielerlei Hinsicht
frustrierend. Und das betrifft in erster Linie nicht die unter dem
Renditedruck leidende Trinkwasser-versorgung (fehlende Sanierung der
Leitungs- und Kanalinfrastruktur, brüchige Rohre, geringer Wasserdruck,
bescheidene Wasserqualität, hohe Preise) Am erstaunlichsten war, dass
das von der großen Mehrheit der Bevölkerung nicht als ein Problem
empfunden wurde, gegen das man sich vielleicht wehren könnte.
Insbesondere die Institution des obersten Wasser-Regulators
OFWATvermittelt wohl weithin den Eindruck, da regele schon ein fast
Allmächtiger das Bestmögliche. Tatsächlich kann der Regulator den
privaten Wassergesellschaften vorschreiben, inwieweit sie die Preise
erhöhen dürfen. Dabei kommt er nicht umhin, mit Thames Water& Co
auszuhandeln, für welche dringend notwendigen Investitionen er soundso
hohe Preiserhöhungen genehmigt. Er hat allerdings kein Recht, die
Unterlagen der Privaten unabhängig zu prüfen. So ist es für die
Wasserversorger z. B. ein Sport, die Kosten für Investitionen
hochzurechnen und bei der realen Ausführung so viel wie möglich zu
sparen......
Der Regulator kann kaum beeinflussen wieviel Gewinn die Versorger
machen und wie sie ihn machen. Wenn ein internationaler Konzern wie RWE
seiner Tochter Thames Water eine Gewinnmarge vorgibt, dann müssen die
Manager in London versuchen, die zu erreichen. Und wenn es dazu
notwendig ist, statt kosten-intensiver Reparaturen ungeklärtes Abwasser
in die Thames zu leiten, dann geschieht das praktisch wöchentlich.
Unterbinden kann dies auch kein Regulator. Das Gelände der
Abwasserwerke ist privat. Thames Water bzw. auch alle anderen Wasser
Companys können Kontrollen dort jederzeit verhindern. So gelingt der
Nachweis dieser ungesetzlichen Einleitungen auch der staatlichen
Umweltbehörde höchst selten.
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Kommunale Wasserwerke - Die Lösung? |
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Zweifellos - die kommunale Eignerschaft von Wasserwerken bietet die
Möglichkeit einer weit demokratischeren Kontrolle als die eines
internationalen Konzerns, dem die örtlichen Belange sehr fern und das
Interesse an der Rendite sehr nah ist.
Die MVV, die in den Kieler Stadtwerken die Anteile der
insolventen TXU übernommen hat, wird von vielen noch als kommunaler
Betrieb bezeichnet. Und tatsächlich sind das die Mannheimer
Verkehrsbetriebe, und sie sind auch noch zu großen Teilen in Besitz der
Stadt Mannheim. Doch die Expansion über die kommunalen Grenzen hinaus
haben den MVV seit langem zu einem Konzern gemacht, der im europaweiten
Wettbewerb mit RWE und Eon u.a. steht und nach denselben Gesetzen
wirtschaften muß wie die Multis auch. Da ist die kommunale Eignerschaft
kaum mehr als ein Feigenblatt und ein gute Einnahmequelle der Stadt
Mannheim.
Interesse an einem möglichst hohen Überschuss ihrer Stadt- und
Wasserwerke haben in Zeiten knapper kommunaler Kassen praktisch alle
deutschen Städte. So verwischt der Unterschied zwischen kommunalen und
privaten Eignern leicht. Auch für Kommunen, die nur noch auf den Gewinn
ihrer Wasserwerke schielen, wird z.B. die regelmäßige Sanierung der
Rohre leicht zu fragwürdigen Kosten.....
Es ist höchste Zeit, darüber nachzudenken, wie kommunale
Wasserbetriebe vor solchen Gefahren geschützt werden können. Die
Beteiligung gesellschaftlich relevanter Gruppen an deren Kontrolle in
der Art eines öffentlich-rechtlichen Modells wäre sicherlich eine
Möglichkeit. Weitere Ideen sind gefragt.
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Gewerkschaften und Globalisierung |
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Gewerkschaften gelten fast überall in der Welt als Gegner einer
Privatisierung der Wasserversorgung. So auch in Kiel und den Kieler
Stadtwerken, wo die Beschäftigten seit jeher fast zu 95% organisiert
und in hohem Maße streikerfahren waren. Dennoch ging der Verkauf von
51% ihres Betriebs an die texanische TXU praktisch ohne spürbaren
Widerstand über die Bühne. Wie konnte das nur geschehen?
Im Betriebsrat war man anfangs durchaus auf Widerstand eingestellt.
Doch die örtliche Gewerkschaftsleitung ließ eine klare Orientierung und
Unterstützung für Widerstandsmassnahmen vermissen. Diese unklare
Haltung basiert sicher zum einen auf dem Dilemma deutscher
Gewerkschaften, dass Streiks außerhalb von Tarifverhandlungen verboten
sind. Zum anderen gibt es aber auch nur wenig Erfahrung und Praxis im
Widerstand gegen politisch-gesellschaftliche Entwicklungen wie die
zunehmende Privatisierung öffentlichen Eigentums. Auf sich allein
gestellt, schwankte der Betriebsrat und war empfänglich für
Erpressungen von der Art: „Wenn ihr nicht zustimmt, seid ihr
verantwortlich, wenn die Stadtwerke - auf sich alleine gestellt - nicht
konkurrenzfähig sind und massenhafte Entlassungen folgen". Da wirkte
das Angebot von TXU, Kiel zum deutschen Stützpunkt für die
deutschlandweite Expansion des Konzerns zu machen und auf
betriebsbedingte Kündigung für viele Jahre zu verzichten auch auf die
KollegInnen verlockend. Und selbst die Kritischsten im Betriebsrat
schöpften nun Hoffnung, an der Seite des „starken strategischen
Partners" sicher in die Zukunft gehen zu können.
Um so größer war nachher der „Katzenjammer", als der „starke
strategische Partner" schon nach wenigen Monaten sein wahres Gesicht
zeigte........
Mit dem Problem, erst zu spät klug geworden zu sein, stehen die
Kieler KollegInnen ganz sicher nicht allein. Der Blick nach Berlin, der
deutschen Hauptstadt, zeigt praktisch dasselbe Bild. Auch dort hatten
Betriebsrat und Gewerkschaft zunächst eine eindeutige Position gegen
die Teilprivatisierung ihrer BWB bezogen und sogar mit einer großen
Demonstration Kampfbereitschaft gezeigt. Das hinderte die
Belegschaftsvertretung aber nur Stunden später nicht, auf fast
identische Erpressungen wie in Kiel einzugehen, und mit der Verlockung
eines Verzichts auf betriebsbedingte Kündigungen dem
Privatisierungsdeal zuzustimmen. Inzwischen weiß man auch in Berlin,
dass Belegschaften auch ohne betriebsbedingte Kündigungen beliebig
reduziert werden können.
Dass das alles auch ganz anders geht, zeigte sich in NRW, wo sich
Münster mit starker gewerkschaftlicher Beteiligung von VERDI gegen eine
Privatisierung wehren konnten. Auch andere Gemeinden wie Bad Salz
Ufflen,.......... hatten Erfolg.
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